In der Praxis begegnen mir immer wieder sprachliche Phänomene, die wie kleine Fenster in die Seele meiner Klienten wirken. Zwei Wörtchen fallen dabei besonders auf: „eigentlich“ und „man“. Sie scheinen harmlos, fast nebensächlich – doch hinter ihrer Verwendung verbirgt sich oft weit mehr, als zunächst erkennbar ist.
Die feinen Nuancen der Distanzierung
Wenn Sie genau hinhören, werden Ihnen diese Sprachmuster sicherlich auch aufgefallen sein. Ein Klient erzählt: „Man sollte ja dankbar sein für das, was man hat…“ oder „Eigentlich geht es mir gut, aber…“ Diese kleinen Worte sind keineswegs zufällig gewählt. Sie erfüllen eine wichtige psychologische Funktion: Sie schaffen Distanz zwischen der Person und ihrem Erleben1.
Das unpersönliche Pronomen „man“ ermöglicht es, über hochpersönliche Erfahrungen zu sprechen, ohne sich vollständig exponieren zu müssen. Statt „Ich fühle mich überfordert“ zu sagen, wird es zu „Man ist ja manchmal überfordert“. Diese sprachliche Wendung verwandelt eine sehr persönliche, möglicherweise schmerzhafte Erfahrung in etwas scheinbar Allgemeingültiges2,3,4.
Der Schutzmantel der Verallgemeinerung
Die Forschung zeigt uns, dass die Verwendung von „man“ eine psychologische Funktion erfüllen kann: Sie stellt eine Distanz zwischen dem Selbst und einem Erlebnis her und bietet so eine Möglichkeit, allgemeinere Einsichten zu gewinnen, die über das persönliche „Ich“ hinausgehen. Klienten nutzen dieses sprachliche Mittel oft unbewusst, um sich vor der vollen emotionalen Wucht ihrer Erfahrungen zu schützen1.
Wenn jemand sagt: „Man kann nicht immer stark sein“, dann spricht er möglicherweise über seine eigene Erschöpfung, ohne sich der Verletzlichkeit dieser Aussage vollständig stellen zu müssen. Das „man“ wird zum Schutzschild, das es erlaubt, schwierige Wahrheiten auszusprechen, ohne sich ganz preiszugeben2.
Das vieldeutige „Eigentlich“
Ähnlich verhält es sich mit dem Wörtchen „eigentlich“. Es signalisiert oft einen inneren Konflikt zwischen dem, was jemand denkt, dass er fühlen sollte, und dem, was er tatsächlich empfindet. „Eigentlich bin ich zufrieden“ kann bedeuten: „Ich denke, ich sollte zufrieden sein, aber da ist noch etwas anderes.“5
Dieses kleine Wort eröffnet einen Raum zwischen dem gesellschaftlich Erwarteten und dem authentisch Erlebten. Es ist ein sprachlicher Hinweis darauf, dass möglicherweise eine Inkongruenz zwischen dem Selbstkonzept und der tatsächlichen Erfahrung besteht – ein zentrales Thema in der personzentrierten Arbeit6,7.
Die therapeutische Bedeutung
In der therapeutischen Beziehung sind diese sprachlichen Signale kostbare Hinweise. Sie zeigen mir, wo ein Mensch möglicherweise noch nicht bereit ist, ganz bei sich anzukommen. Sie verraten uns auch etwas über die Abwehrmechanismen, die zum Einsatz kommen, wenn das Selbst sich bedroht fühlt8,9,10.
Es ist wichtig zu verstehen, dass diese sprachlichen Distanzierungen nicht „falsch“ oder zu korrigieren sind. Sie erfüllen einen wichtigen Zweck: Sie ermöglichen es Menschen, über schwierige Themen zu sprechen, auch wenn sie noch nicht bereit sind, sich vollständig damit zu identifizieren. Sie sind Brücken zwischen dem Unsagbaren und dem Ausgesprochenen11.
Der beziehungsorientierte Umgang
In der Praxis begegne ich diesen Sprachmustern mit Respekt und Neugier. Wenn ein Klient sagt: „Man fühlt sich dann halt irgendwie verlassen“, dann höre ich sowohl die Schutzfunktion als auch die dahinter liegende Sehnsucht nach Verbindung. Meine Aufgabe ist es nicht, diese Distanzierung sofort aufzulösen, sondern sie zunächst anzunehmen und zu verstehen12,13.
Carl Rogers lehrte uns, dass Menschen in ihrem eigenen Tempo und auf ihre eigene Weise zu sich finden. Die Verwendung von „eigentlich“ und „man“ kann ein Zwischenschritt auf diesem Weg sein – ein sanfter Einstieg in schwierige Gefühlslandschaften14,15.
Die Weisheit der Sprache
Was fasziniert mich besonders an diesen sprachlichen Phänomenen? Sie zeigen, wie klug unser Organismus ist. Ohne bewusste Absicht finden Menschen Wege, über das Schwierige zu sprechen, ohne sich zu überfordern. Die Sprache selbst wird zu einem Regulierungsinstrument, das es ermöglicht, sich schwierigen Themen zu nähern, ohne von ihnen überwältigt zu werden16,17.
„Man muss auch mal auf sich schauen“ könnte die erste vorsichtige Annäherung an die eigene Bedürftigkeit sein. „Eigentlich weiß ich, was gut für mich wäre“ könnte der Beginn einer wichtigen Selbsterkenntnis sein.

Was unter der Oberfläche liegt
Ein Raum für Entwicklung
In der therapeutischen Arbeit schaffen wir gemeinsam einen Raum, in dem sich diese vorsichtigen sprachlichen Annäherungen mit der Zeit zu mutigen persönlichen Aussagen entwickeln können. Aus „Man ist manchmal einsam“ wird vielleicht irgendwann „Ich fühle mich einsam“. Aus „Eigentlich sollte ich glücklich sein“ wird möglicherweise „Ich spüre eine Traurigkeit, die ich noch nicht verstehe“18,19.

Therapeutische Begegnung auf verschiedenen Ebenen
Diese Entwicklung geschieht in der Beziehung, im geschützten Rahmen des therapeutischen Dialogs, wo Menschen erfahren können, dass auch ihre schwierigen Gefühle und Gedanken willkommen sind6.
Die Einladung zur Selbstbegegnung
Wenn Sie das nächste Mal bemerken, dass Sie oder andere „eigentlich“ oder „man“ verwenden, könnten Sie dies als eine Einladung verstehen: eine Einladung, genauer hinzuhören, was sich hinter diesen kleinen Worten verbirgt. Welche Wahrheit sucht ihren Weg an die Oberfläche? Welches Gefühl möchte anerkannt werden?
Diese sprachlichen Phänomene sind keine Schwächen oder Probleme, die gelöst werden müssen. Sie sind Ausdruck der menschlichen Fähigkeit, sich behutsam schwierigen Themen zu nähern. Sie zeigen, wie wunderbar anpassungsfähig wir sind – sogar in der Art, wie wir sprechen.
In einer Welt, die oft direkte Antworten und klare Positionen fordert, dürfen wir die Weisheit dieser sprachlichen Zwischentöne würdigen. Sie erinnern uns daran, dass Heilung und Wachstum Zeit brauchen und dass der Weg zu uns selbst manchmal über kleine Umwege führt – auch sprachliche.

Zur Entstehung dieses Beitrags: Ich habe dabei Unterstützung durch KI genutzt, den Text jedoch selbst geprüft, überarbeitet und persönlich gestaltet.
Quellen und weiterführende Links
- https://wissensdialoge.de/man-oder-ich-in-der-kommunikation/
- https://smizing.de/indefinitpronomen-man/
- https://grammis.ids-mannheim.de/kontrastive-grammatik/3751
- https://siml.phil-fak.uni-koeln.de/fileadmin/sites/siml/Froehlich_2014_Magisterarbeit.pdf
- https://epub.ub.uni-muenchen.de/4356/1/4356.pdf
- https://www.oberbergkliniken.de/therapien/gespraechspsychotherapie-nach-rogers
- https://de.wikipedia.org/wiki/Gesprächspsychotherapie
- https://dpgg.de/wp-content/uploads/Biermann-Ratjen-2015-Abwehr-in-der-GPT.pdf
- https://opus.bsz-bw.de/msh/files/603/MSH_BA_Meyer_09082023.pdf
- https://www.wvr-psychiatrie.de/fileadmin/downloads/material/Material2/WVR_Abwehrmechnismen_Gruenherz.pdf
- https://www.psychologie-aktuell.com/news/aktuelle-news-psychologie/news-lesen/mit-emotion-und-distanz-machtmissbrauch-in-der-psychotherapie-verhindern.html
- https://karrierebibel.de/carl-rogers-modell/
- https://mein-ibz.de/2024/02/29/gespraechsfuehrung-nach-carl-rogers/
- https://www.socialnet.de/lexikon/Gespraechspsychotherapie
- https://www.therapie.de/psyche/info/therapie/gespraechspsychotherapie/
- https://www.prozesspsychologen.de/warum-geht-es-bei-kommunikation-nicht-nur-um-die-sache-an-sich-sondern-auch-und-vor-allem-um-selbstschutz/
- https://therapeuten.traumaheilung.de/coregulation-in-der-psychotherapie/
- https://karrierebibel.de/klientenzentrierte-gespraechsfuehrung/
- https://studyflix.de/biologie/klientenzentrierte-gespraechsfuehrung-7685