Wenn aus Sehnsucht eine Falle wird
Sie war erfolgreich, gebildet und lebte im noblen Starnberg – Caroline von F. schien alles zu haben. Doch im Februar 2016 fand sie auf einer Partnerbörse für „kultivierte und gebildete Singles“ ihre vermeintlich große Liebe: Thomas Stabler.1 Der angebliche US-Soldat war eloquent, schwerreich und auf der Suche nach einer Partnerin. Über Monate baute er per Kurznachrichten, E-Mails und Telefongesprächen ihr Vertrauen auf – und versprach ihr Diamanten für ihren gemeinsamen Besuch.
Doch Thomas Stabler existierte nie. Caroline von F. war einer organisierten Betrügerbande zum Opfer gefallen, die mit verschiedenen Identitäten operierte. Über 380.000 Euro überwies sie ihrer virtuellen Liebe – eine Summe, die sie nie wiedersehen würde.
In dem folgenden Radiobeitrag von Bayern 2 über Love Scamming vom Oktober 2021 beginnt ein weiterer Fall als wunderschöne, herzzerreißende Geschichte und entwickelt sich ebenfalls zu einem der perfidesten psychologischen Verbrechen unserer Zeit:
Dieser Fall steht exemplarisch für ein Phänomen, das auch in Bayern dramatische Ausmaße angenommen hat: Allein 2023 wurden mehr als 450 Fälle von Love Scamming angezeigt, mit einem Schaden von etwa 5,3 Millionen Euro.2 Die Dunkelziffer wird deutlich höher eingeschätzt.
Die psychologischen Mechanismen: Warum wir zu Opfern werden
Das Spiel mit unseren tiefsten Sehnsüchten
Love Scammer sind Meister der emotionalen Manipulation.3 Sie nutzen gezielt psychologische Mechanismen aus, die in jedem von uns angelegt sind – keine Schwäche, sondern schlicht menschliche Grundbedürfnisse: der Wunsch nach Nähe, nach Gesehen-werden, nach jemandem, der wirklich da ist.
Das Phänomen beginnt mit dem sogenannten Love Bombing – einer Überschüttung mit Zuneigung und Aufmerksamkeit, die ein starkes Bedürfnis nach Fortsetzung dieser positiven Erfahrung erzeugt. Die Täter spiegeln geschickt die Wünsche und Sehnsüchte ihrer Opfer wider, erzeugen ein Gefühl von Exklusivität und bauen gezielt Vertrauen auf. Dabei arbeiten sie mit Sätzen, die sich tief eingraben: „Jede Begegnung hat ihren Grund“ – so formulierte es der vermeintliche Traumpartner von Julia, einer Betroffenen, die ihren Fall öffentlich gemacht hat. Und genau solche Sätze treffen ins Herz.
In einem Radiobeitrag von Bayern 2 über Love Scamming (Oktober 2021), in dem ich als Therapeutin zu Wort komme (ab 7:04), habe ich versucht zu erklären, was dabei psychologisch passiert: „Es ist auch nicht nachvollziehbar, dass man sich in einem Menschen, den man noch nie gesehen hat, anfangs auch noch nie gehört hat, wirklich verliebt und Gefühle entwickeln kann. Ist aber so. Und die Urteilsfähigkeit ist natürlich am Anfang der Verliebtheit auch einfach eingeschränkt. Natürlich gibt es Auffälligkeiten, aber darüber wird einfach gerne hinweggehört, weil man will es so sehr, dass man auf diese Kleinigkeiten dann quasi nicht mehr so achtet.“
Die hyperpersonelle Kommunikation als Verstärker
Ein entscheidender Faktor ist die computervermittelte Kommunikation selbst. Das Fehlen nonverbaler Signale führt – wie der Kommunikationswissenschaftler Joseph Walther in seinem „hyperpersonal model“ beschreibt – dazu, dass mehr persönliche Informationen ausgetauscht werden als in der Face-to-Face-Kommunikation.4 Diese hyperpersonellen Kommunikationen erscheinen vielen attraktiver, weil sie die Möglichkeit bieten, einem idealisierten Gegenüber in einem scheinbar geschützten Raum das tiefste Innere zu offenbaren.
Julias Geschichte illustriert das eindrücklich: Sechs Wochen lang schrieben sie sich täglich E-Mails. Der Inhalt wurde immer vertrauter, die Anreden immer wärmer. „Sweetheart“ stand da plötzlich – und es fühlte sich nicht falsch an. Weil es sich nicht falsch anfühlen sollte. Das war Absicht.
Emotionale Abhängigkeit als Waffe
Die Betrüger nutzen die natürliche Verblendung der Verliebtheit systematisch aus. Sie isolieren ihre Opfer oft schrittweise von Freunden und Familie – um kritische Stimmen auszuschalten, bevor sie laut werden können.5 Wer verliebt ist, will nicht zweifeln. Wer zweifelt, wird von den Tätern mit noch mehr Zuwendung überhäuft – bis der Zweifel verstummt.
Wer ist besonders gefährdet?
Das Profil der Betroffenen
Die Opfer von Love Scamming sind keineswegs naive oder ungebildete Menschen. Im Gegenteil: „Die Opfer im Zuständigkeitsbereich der Münchner Polizei sind bislang nahezu ausschließlich weiblich und alleinstehend. Viele von ihnen sind beruflich erfolgreich und gebildet, außerdem – und das ist ganz entscheidend – internetaffin.“6
Das überrascht mich nicht. Denn wer viel arbeitet, bleibt oft allein. Und wer allein bleibt, sehnt sich nach echter Verbindung. Ich sage das nicht wertend – ich sage es, weil ich es täglich in meiner Praxis erlebe. „Das Grundproblem, die treibende Kraft ist eigentlich meistens die ausgeprägte Einsamkeit und wirklich der aufrichtige Wunsch, jemanden kennenzulernen, der einen im Leben begleitet – was gerne gehört wird und das wird dann natürlich auch bedient.“
Die Hauptrisikofaktoren im Überblick
Die folgende Abbildung zeigt, welche Faktoren Menschen besonders anfällig für Love Scamming machen – mit Einsamkeit als mit Abstand gewichtigstem Faktor:

Einsamkeit, die Sehnsucht nach Partnerschaft, emotionale Verletzlichkeit in Krisensituationen, Vertrauensseligkeit und mangelnde Online-Erfahrung – diese fünf Faktoren wirken selten allein. Meist treffen mehrere zusammen, und genau das machen sich die Täter zunutze. Sie recherchieren ihre Opfer vorab gezielt, um sicherzugehen, dass diese auch über genügend Mittel verfügen.
Die moderne Einsamkeit als Einfallstor
Vor allem in Zeiten zunehmender sozialer Isolation – insbesondere nach den pandemischen Jahren – wurden diese Sehnsüchte zu einem erfolgversprechenden Angriffspunkt für die Täter.6 Einsamkeit entsteht oft durch Lebensereignisse wie Scheidung, Verwitwung oder berufliche Isolation – Situationen, in denen Menschen besonders empfänglich für Aufmerksamkeit und Zuwendung sind.
Die psychischen Folgen: Wenn das Herz zerbricht
Trauma und die doppelte Wunde
Die emotionalen Konsequenzen eines Love Scammings sind oft tiefgreifend und langanhaltend. Die Folgen gehen weit über den finanziellen Schaden hinaus – und können zu schwerwiegenden psychischen Belastungen führen.7 Zu den häufigsten Auswirkungen gehören Niedergeschlagenheit, Angstzustände, ein erschüttertes Selbstwertgefühl und – in schweren Fällen – Symptome, die einer posttraumatischen Belastungsreaktion ähneln.
Julias Geschichte brachte es auf den Punkt: „Ich war enttäuscht, irgendwo auch ein bisschen von mir selber, weil ich ja eigentlich vorsichtig war und eigentlich trotzdem in die Falle gelaufen bin. Ich meine, ich habe es ja noch rechtzeitig erkannt, aber für mich irgendwo – man zweifelt irgendwo ein bisschen an sich.“
Diese Selbstzweifel sind charakteristisch. Und sie sind das Perfideste an dieser Masche: Nicht nur das Vertrauen in andere wird erschüttert – sondern das Vertrauen in sich selbst. Ich erlebe das in meiner Praxis immer wieder: „Das ist wirklich ein absolut traumatisches Erlebnis, wie man sich selber so wenig trauen konnte und wie man so wenig auf sein Gespür hören konnte – weil das Gespür ist auch da.“
Der soziale Rückzug als Gefahr
Im schlimmsten Fall führt das Erlebte – gerade bei ohnehin einsamen Menschen – zu einem kompletten sozialen Rückzug. Die Scham, „so dumm gewesen zu sein“, hält viele davon ab, sich jemandem anzuvertrauen. Dabei wäre genau das der erste und wichtigste Schritt.
Der Weg zurück: Wenn Vertrauen wieder wächst
Heilung braucht Zeit – und einen Anfang
Der Weg nach einem Love Scamming ähnelt in vielem einem Trauerprozess.8 Nach dem initialen Schock folgen oft intensive Gefühle von Schmerz, Scham und Selbstvorwürfen. Mit der Zeit kann sich daraus Wut entwickeln – und schließlich, mit der richtigen Unterstützung, so etwas wie Akzeptanz und ein vorsichtiger Neuanfang.
Wichtig ist dabei: Heilung bedeutet nicht, die Erfahrung ungeschehen zu machen. Sie bedeutet, ihr einen anderen Platz zu geben. Einen, von dem aus man wieder nach vorne schauen kann.
Das soziale Umfeld als Schutzanker
Julias Geschichte zeigt etwas Ermutigendes: Es waren ihre Freundinnen, die ihr rieten, vorsichtig zu sein. Die mit ihr recherchierten, ob die Klinik in Winnipeg wirklich existiert, ob der Name in Betrugsregistern auftaucht. Dieses Netz aus vertrauten Menschen hat sie geschützt – und genau das ist kein Zufall.
„Aber dafür muss man sich das erstmal eingestehen. Gesucht werden natürlich Frauen, die einsam sind, also die sich vielleicht auch nicht so mitteilen. Und genau das ist die Krux an der Sache.“
Sich mitteilen, bevor man sicher ist – das fühlt sich verletzlich an. Aber es ist oft das Wirksamste, was man tun kann. Nicht weil Freunde immer Recht haben, sondern weil ein Außenblick das sieht, was Verliebtheit gerne übersieht.
Professionelle Begleitung – wenn die Last zu schwer wird
Wenn die psychischen Folgen tief sitzen, kann professionelle Begleitung helfen, das Erlebte zu verarbeiten und das Vertrauen in sich selbst schrittweise zurückzugewinnen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die Frage „Wie konnte ich nur?“ – sondern das Verstehen der eigenen Bedürfnisse, die Stärkung des Selbstgefühls und die behutsame Öffnung für neue Verbindungen.
Viele Menschen berichten, dass sie nach einem Love Scamming eine tiefere Selbstkenntnis entwickelt haben – ein besseres Gespür dafür, was sie wirklich brauchen und wo ihre Grenzen liegen. Das ist kein Trost, der die Erfahrung kleinredet. Aber es ist ein echter Ausgangspunkt.
Fazit
Love Scamming ist mehr als ein finanzieller Betrug. Es ist ein Angriff auf das Menschlichste, was es gibt: die Sehnsucht nach Verbindung, nach jemandem, der einen wirklich sieht. Dass diese Sehnsucht ausgenutzt wird, sagt nichts über die Naivität der Betroffenen – sondern alles über die Kälte der Täter.
Die Scham gehört zur Strategie. Wer sie durchbricht und sich jemandem anvertraut – einer Freundin, einem Familienmitglied, einer Fachperson – hat den entscheidenden Schritt bereits getan. Denn am Ende wird nicht der Betrug das letzte Wort haben, sondern die Fähigkeit, sich selbst wieder zu vertrauen.
Eine kleine Übung, falls Sie möchten: Denken Sie an drei Menschen in Ihrem Leben, denen Sie sich anvertrauen könnten – ohne Scham, ohne Erklärungsdruck. Nicht weil Sie müssen. Sondern weil Verbindung das Gegenteil von dem ist, was die Täter wollen.

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Hinweis: Der in diesem Beitrag erwähnte Radiobeitrag von Bayern 2 (Oktober 2021) ist eine reale Produktion, in der ich als Therapeutin interviewt wurde. Die zitierten Aussagen von Julia sind dem Beitrag entnommen.
Zur Entstehung dieses Beitrags: Ich habe dabei Unterstützung durch KI genutzt, den Text jedoch selbst geprüft, überarbeitet und persönlich gestaltet.
Quellen und weiterführende Links
- https://www.augsburger-allgemeine.de/bayern/Millionenbetrug-Prozess-in-Muenchen-Wenn-Online-Dating-zur-teuren-Falle-wird-id52172346.html
- https://www.stmi.bayern.de/presse-und-medien/pressemitteilungen/detail/herrmann-und-eisenreich:-vorsicht-vor-love-scam/
- https://www.verbraucherzentrale.de/wissen/digitale-welt/onlinedienste/love-scamming-so-schuetzen-sie-sich-vor-liebesbetrug-93503
- https://opus.bibliothek.uni-augsburg.de/opus4/files/76275/thiel+2020+-+liebesschwindel+im+cyberspace.pdf
- https://www.heidekreis-klinikum.de/presse-und-aktuelles/news/artikel/2025/verliebt-in-eine-illusion-chefarzt-dr.-gal-erklaert-wie-sogena
- https://www.polizei.bayern.de/schuetzen-und-vorbeugen/beratung/018837/index.html
- https://www.wndn.de/wie-romance-scams-die-psychische-gesundheit-beeintraechtigen/
- https://www.bka.de/SharedDocs/Downloads/DE/AktuelleInformationen/Infografiken/ECSM/RomantikBetrug.pdf?__blob=publicationFile&v=3